Il Turco in Italia

Eine Besprechung des Besuchs am 18.05.2019

Schon die Einführung durch Regisseur Jan Philipp Gloger lohnte die Reise nach Zürich. In heiter legerem Auftritt informierte er das interessierte Publikum über die Hintergründe der Turquerien im 18. und 19. Jahrhundert sowie die Ziele seiner Inszenierung.

Den Freiraum, den Rossinis Musik eröffnet, wollte er mit großer Lebendigkeit füllen, und das ist ihm hervorragend gelungen. Er verbindet Rossinis Buffa-Oper gekonnt mit der Gegenwart. Sein Turco-Personal stammt aus der heutigen Zeit.

Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, allerdings mit hohem Lebenstempo und immer am Limit ihrer Möglichkeiten. Ein Mietshaus mit identisch möblierten Appartements, eine Straßenecke, ein Straßenfest das erwartet den Zuschauer.

Dem Regisseur geht es um das Aufeinanderprallen der Kulturen, wenn er dem jungen attraktiven türkischen Liebhaber Selim im Libretto anstelle der Zigeuner eine türkische Großfamilie an die Seite stellt. Er spielt wunderbar mit sämtlichen Vorurteilen gegenüber dem Fremden, wenn er die Angst des gehörnten Ehemanns Geronio vor seinem türkischen Nebenbuhler auf die Bühne projiziert. Auch seine junge Ehefrau Fiorilla hat zunächst so ihre Probleme mit Selim: „Du hast bestimmt hundert Frauen in der Türkei!“

Die Inszenierung geht weit über das rein Klischeehafte hinaus, verdeutlicht sie doch klar die Mehrdimensionalität in der Figur Fiorilla, die eben mehr ist als nur ein kapriziöses treuloses junges Ding. Sie verkörpert vielmehr Verhaltensmuster, die das, was uns die modernen Medien täglich präsentieren.

Der Stoff bietet viel Raum für Interpretation: Fiorilla, die viel jüngere Ehefrau von Geronio wendet sich dem nebenan eingezogenen jungen Türken Selim zu. Der wiederum ist aus der Türkei geflohen, will man ihm seine dortige zukünftige Braut Zaida durch eine Intrige abspenstig gemacht hatte, sie wäre ihm untreu gewesen.

Zaida ist mit Landsleuten, die ihr helfen wollen, in Italien auf der Suche nach Selim. Prosdocimo, eigentlich der Dichter des Werks, ist hier ein Künstler, der auf der Suche nach einem neuen Thema ist, ständig alles filmt und im gleichen Haus wohnt wie Selim und das Ehepaar Fiorilla und Geronio.

Der Flirt von Fiorilla und Selim bleibt nicht folgenlos, fühlt sich doch Narciso, ein weiterer glühender Verehrer von Fiorilla um seine Rechte gebracht. Es kommt zu einem eskalierenden Ehestreit, in dessen Verlauf von Drohungen, Schuldzuweisungen und Versöhnungsangeboten schließlich Fiorilla droht, sich tausend Liebhaber zu besorgen.

Danach wollen Selim und Fiorilla heimlich verreisen, allerdings hat Zaida inzwischen Selim gefunden und sie stellt Fiorilla zur Rede. Auch dieser Streit eskaliert auf der Straße vor dem Haus, alle anderen kommen hinzu und mischen sich ein. Das für Rossinis Buffa-Opern so prägende Chaos ist perfekt, herrlich erfrischend und doch unaufdringlich mit kritischen Tönen untersetzt, hat nicht nur Prosdocimo, sondern auch das Publikum seine wahre Freude daran.

Im zweiten Akt will Selim nach gutem türkischem Brauch Geronio dessen Frau Fiorilla abkaufen. Geronio kontert, dass er ihm gerne nach italienischem Brauch die Nase einschlagen wolle. Auch dieser Streit eskaliert in Selims Ankündigung, Fiorilla entführen zu wollen.

In der Folge ist Selim total überfordert, als er sich in einem von Fiorilla arrangiertem Treffen mit Zaida zwischen den beiden Frauen entscheiden soll. Zaida verlässt zunächst die Szene, Fiorilla und Selim schwören sich ewige Liebe. Während eines Staßenfestes will er mit ihr fliehen.

Prosdocimo berichtet Geronio davon und dieser erscheint als Türke verkleidet auf dem Fest. Zaida ebenfalls eingeweiht in die Pläne Selims erscheint verkleidet als Fiorilla auf dem Fest. Auch Narciso will als Türke vekleidet dabei sein.

Der Zuschauer ahnt und genießt schließlich das wunderbare Chaos, das im Finale naturgemäß eskaliert. Schlussendlich versöhnen sich Selim und Zaida und Geronio gewinnt Fiorilla zurück, da diese nicht zurückkehren will in die Armut ihres Elternhauses in Sorrent.

Diese Inszenierung ist schillernd und bewegt sich stets zwischen den Polen Furcht und Anziehung, Bewunderung und Verachtung. Die Komik bezieht der Regisseur aus den vielen Missverständnissen im Aufeinanderprallen der Kulturen sowie der jeweiligen individuellen Interessen auf engstem Raum. Dabei werden vermeintlich kulturelle Unterschiede in ihren Ähnlichkeiten hinter verschlossenen Türen süffisant entlarvt.